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Noch sind die ÄgypterInnen noch nicht über dem Berg

Klar, der erste Erfolg gehört den mutigen ÄgypterInnen, welche mit über 300 Opfern Mubarak endlich abgesetzt haben. Mubarak war der perfekte Verwalter amerikanischer, europäischer und israelischer Interessen. Dafür hat sein Volk einen hohen Preis bezahlt. Korruption und Gewalt hat die grosse Mehrheit in Armut getrieben. Mubarak schützte den Suezkanal, durch den zwei Drittel des Welthandels durchgeführt wurde. Dafür erhielt er militärische Hilfe aus den USA.

Vor wenigen Jahren machte ja die somalische Küste von sich reden, als ab und zu ein Schiff von sogenannten Piraten geentert wurde. Der südliche Zugang zum Suezkanal, eben diese somalische Küste, wurde danach, man höre und stauene, von amerikanischen, europäischen, chinesischen, russischen und indischen Piratenjägern gesichert. Historisch einmalig, diese Kombination, aber sie zeigt auf, wie bedeutend dieser Seeweg für den Welthandel ist. Übrigens wollten einige Schweizer Bundesräte da mitmachen, doch sie scheiterten am Widerstand der Grünen, welche zunehmend von den anderen Parteien bei der Operation Atalanta unterstützt wurden. Mubarak war aber auch ein Garant für die israelische Unterdrückung der Palästinenser. Auch dafür kassierte er einen grossen Support vom Westen.

Nun ist er also weg. Wer nach ihm kommt, ist nun die grosse Frage. Und ob es wirklich freie Wahlen gibt, welche dann auch vom Westen akzeptiert werden. Denn wenn eine Mehrheit an die Macht kommt, welche nicht mehr nur dem Westen dienen will, wird dies nicht akzeptiert. Als wollen die westlichen Leader schon im Voraus gerne „helfen“. Die Ankündigungen Obamas, Merkels und Sarkozys lassen nichts Gutes erahnen. Es braucht nun auch Druck von hier aus, dass diese Geopolitischen Schachspieler endlich Ägypten seinem freien Willen überlassen und nicht immer nur an sich denken. Klar, das wird unsere Lebensumstände betreffen. Aber wer kann denn wirklch akzeptieren, dass bei uns der Überfluss durch das Elend anderer ermöglicht wird? Die Zeiten bleiben spannend…

Ein Ministerium als Zitatfälscher

Einen Vortrag von Thomas Immanuel Steinberg, 11. Februar 2010, Iran-Konferenz in Hamburg

 

Vorab in Kürze der Zusammenhang, in dem ich die bekannte Fälschung des Ahmadinedschad-Zitats  vom 26. Oktober 2005 sehe.

1979 stürzte die iranischen Opposition das Schah-Regime. Am Sturz war die kommunistische Tudeh-Partei beteiligt, jedoch nicht an führender Stelle. Drei Jahre später verhafteten die Kräfte, die heute noch im Iran herrschen, Tausende Anhänger der Tudeh-Partei. Viele richteten sie hin. Bis heute inhaftieren die iranischen Herrscher politische Gegner oder richten sie hin. Darin gleichen sie ihren außenpolitischen Gegnern. Die US-amerikanischen und die israelischen Herrscher sperren ebenfalls politische Gegner in ihrem Herrschaftsbereich in Gefängnisse oder Lager, oder bringen sie um.

Der Staat Iran hat jedoch, anders als die Vereinigten Staaten und der Staat Israel, zumindest in diesem und im vorigen Jahrhundert, kein fremdes Staatsgebiet angegriffen oder gar erobert und besetzt. Die Vereinigten Staaten und der Staat Israel unterstellen nunmehr dem Staat Iran, er wolle den Staat Israel angreifen und das Land vernichten. Sie stützen sich dabei auf Aussagen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, vor allem auf die Behauptung, Ahmadinedschad habe am 26. Oktober 2005 in Teheran gesagt, er wolle Israel von der Landkarte tilgen.

Ich habe mich mit dieser Behauptung befaßt, weil sie in den USA, in Israel und in der deutschen Presse dazu dient, einen Angriff der US-amerikanischen und der israelischen Streitkräfte auf den Iran im Vorhinein zu rechtfertigen.

Was die deutsche Presse anlangt, vermerkte  Arbeiterfotografie im Frühjahr 2006:
Israel dem Erdboden gleichmachen, zerschlagen, vernichten, zerstören, tilgen, ausradieren, von der Landkarte löschen – das habe der iranische Präsident gefordert – lesen oder hören wir Ende Oktober 2005 in der ‚taz‘, in der ‚Berliner Zeitung‘, der ‚Welt‘, im ’stern‘, im ‚Spiegel‘, in der ‚Zeit‘, in der F.A.Z., der Frankfurter Rundschau, beim ZDF, in der Tagesschau und bei N24.

Doch was hatte der iranische Präsident Mahmud Ahamdinedschad tatsächlich am 26. Oktober 2005 gesagt? Er hatte zustimmend den Revolutionsführer Ruhollah Musavi Chomeini zitiert mit dem Satz:
Dieses Regime, das Jerusalem besetzt hält, muß von der Seite der Geschichte (wörtlicher: von der Seite der Zeit / des Zeitenlaufs) verschwinden.

Ahmadinedschad hat also in seiner Rede weder angekündigt, etwas zu tun, noch dazu aufgefordert, etwas zu tun. Er hat dringend gewünscht.

Was hat er dringend gewünscht? Weder hat er dringend gewünscht, daß etwas von der Landkarte gelöscht, noch, daß es getilgt, zerschlagen oder gar vernichtet wird; sondern: daß etwas verschwindet.

Was sollte verschwinden? Weder sollte Israel verschwinden, noch die Israelis, noch gar, wie einige behaupten, die Juden. Vielmehr hat der Präsident dringend das Verschwinden des Regimes gewünscht, das Jerusalem besetzt hält. Das ist jenes Regime, das zur Zeit die Palästinenser quält, Gaza belagert, die syrischen Golanhöhen beherrscht und das Westjordanland sowie Ostjerusalem Schritt für Schritt annektiert.

Aus dem dringenden Wunsch des Präsidenten nach dem Verschwinden dieses Regimes machte die deutsche Presse eine Aufforderung zur Vernichtung Israels. Auch eine Dienststelle der Bundesregierung, die Bundeszentrale für politische Bildung, verbreitete die Lüge. Sie roch genauso wie all die Lügen, die den Vietnamkrieg vorbereitet und begleitet hatten; die Unterstützung des Schahregimes; die Zerschlagung Restjugoslawiens; die Invasion Afghanistans und die Zertrümmerung des Irak. Diese Dienststelle der Bundesregierung, die Bundeszentrale für politische Bildung, stellte ihrem Internet-Dossier mit dem Titel „Antisemitismus“ den Satz voran:
Mit seiner Äußerung, Israel von der Landkarte tilgen zu wollen, sorgte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Oktober 2005 weltweit für Empörung.

Ich monierte am 15. Januar 2008 die Falschübersetzung bei der Bundeszentrale unter Verweis auf Arbeiterfotografie. Da das Falschzitat unmittelbar unter der Überschrift „Antisemitismus“ stand, schrieb ich zum Schluß:
Sie, sehr geehrte Damen und Herren, erweisen überdies mit Ihrer fehlerhaften Wiedergabe der Ahmadinedschad-Äußerung dem Kampf gegen Judäophobie einen Bärendienst.

Auf diese und drei weitere offene Mails zur Zitatfälschung reagierte die Bundeszentrale nicht. Ich schrieb deshalb an die Fachaufsicht der Bundeszentrale beim Bundesinnenministerium, die Ministerialrätin Dagmar Hesse:
Bitte teilen Sie mir .. mit, ob Sie fach- und dienstaufsichtlich billigen … daß die Bundeszentrale für politische Bildung dem Präsidenten eines Landes in einem Krisengebiet eine Aussage zuschreibt, die er nicht gemacht hat und deren Verfälschung geeignet ist, die Krise zu verschärfen…

Zudem wandte sich Arbeiterfotografie mit einer Petition an den Bundestag. Arbeiterfotografie bat um Korrektur des Fehlers der Bundeszentrale.

Da Frau Hesse auf meinen Brief nicht antwortete, wandte ich mich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde über den Leiter der Bundeszentrale, Thomas Krüger, und über seine Vorgesetzte, Dagmar Hesse, an den Minister des Innern, Dr. Wolfgang Schäuble. Am 20. Februar 2008, gut einen Monat nach meiner ersten Mail, reagierte im Namen des Ministeriums Frau Hesse mit einem Brief, der schloß:
[Es] besteht keine Veranlassung für die von Ihnen gewünschte Korrektur.

Kein Anlaß zur Korrektur bestehe dem Bundesinnenministerium zufolge deshalb, weil Bundesregierung, Europäische Union und Vereinte Nationen wiederholt ihre Haltung zum Holocaust und zum Existenzrecht Israels deutlich gemacht und jede Drohung gegen Israel verurteilt hätten.

Ich antwortete:
Sie halten an der Lüge fest: Andere ja auch. Das kennen wir aus der deutschen Geschichte.

Die Petition von Arbeiterfotografie schließlich veranlaßte den Bundestag, seinen Sprachendienst einzuschalten. Eckart Schiewek vom Sprachendienst des Deutschen Bundestages machte sich an die Arbeit – und übersetze falsch. Die strittige Passage gab er laut Bundeszentrale, Datum 22. April 2008, so wieder:
Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Annalen der Geschichte [safha-yi rōzgār] getilgt werden.

Ich merkte dazu an, und werde die Anmerkung sogleich erläutern:
Der Sprachendienst übersetzt wort- und kontextwidrig das intransitive Farsi-Verb „mahv shodan“ – zu Deutsch: verschwinden – und das passivische Verschwinden mit dem transitiven „tilgen“, respektive der aktivischen „Eliminierung“, für welche es in Farsi durchaus die transitive, aktivische Wendung „mahv kardan“ gibt – die aber im gesamten Ahmadinedschad-Text nicht vorkommt.

Zur Verdeutlichung: Das Verb „verschwinden“, weil intransitiv wie „erscheinen“, „aufhören“ oder „auftreten“, erlaubt kein Akkusativobjekt. Die Sonne „verschwindet“, der Redner „tritt auf“, basta. Die Sonne kann nicht „jemanden“ oder „eine Sache“ „verschwinden“, der Redner kann nicht „jemanden“ oder „eine Sache“ „auftreten“. Dagegen verlangt das Verb „tilgen“, weil transitiv, ein Akkusativobjekt. Wenn es heißt, jemand tilge, so schließt sich die Frage an, wen oder was er denn tilge. Das transitive Verb „tilgen“ besitzt deshalb auch eine Passivform: Jemand oder etwas kann „getilgt werden“. Das intransitive Verb „verschwinden“ dagegen kennt kein Passiv, da nichts „verschwunden werden“ kann.

Statt nun den iranischen Präsidenten richtig zu übersetzen: das Besatzungsregime müsse „verschwinden“ (intransitives Verb), wählte der Sprachendienst fehlerhaft die Passivform des transitiven Verbs „tilgen“ – das Besatzungsregime müsse „getilgt werden“. Dieser falschen Übersetzung zufolge hätte Ahmadinedschad zu einem Eingreifen aufgefordert – während er tatsächlich ohne jeden Hinweis auf irgendein Handeln das bloße Verschwinden dringend gewünscht hat. Der Sprachendienst des Bundestags, und mit ihm die Bundeszentrale für politische Bildung, haben nicht übersetzt, sondern fantasiert.

Dank der unermüdlichen Arbeit der Arbeiterfotografen haben sich zwar Spiegel, dpa und Zweites Deutsches Fernsehen von der Falschübersetzung distanziert. Doch die Falschübersetzung steht bis heute auf der Seite der Bundeszentrale. Und weiterhin wimmelt es in der Presse von noch fantasievolleren Fälschungen. Auf sie stützen sich die israelischen, US-amerikanischen und bundesdeutschen Sanktions- und Kriegsdrohungen gegen den Iran.

Kann das Gemetzel an den Iranern verhindert werden? Ich hoffe es. Deshalb bin ich hier.

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/iran.htm#Kurzmeldungen

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