Vesna Peric Zomonjic (IPS), Belgrad und Cathrin Schütz
Die Geschichte klingt ungeheuerlich und empört seit Tagen die serbische Öffentlichkeit. Sie handelt von 300 jungen Serben und Roma, die im Sommer 1999, kurz nach dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien, mutmaßlich von der Terrororganisation UCK (Kosovo-Befreiungsarmee) aus dem Kosovo entführt und nach Burrell in Albanien verschleppt wurden. Dort wurden die jungen Männer ermordet, ihre Körper regelrecht ausgeweidet und die Organe über Händler nach Westeuropa verkauft.

»Wir prüfen die Angaben und leiten eine offizielle Untersuchung ein«, erklärte nun der für Kriegsverbrechen zuständige serbische Staatsanwalt Wladimir Vukcevic. Er reagierte damit auf Veröffentlichungen der unabhängigen serbischen Nachrichtenagentur Beta. Diese hatte entsprechende Passagen aus dem auf italienisch publizierten Buch »Die Jagd: Ich und die Kriegsverbrecher« zitiert und damit für einen öffentlichen Aufschrei gesorgt.

Die Buchautorin heißt Carla del Ponte, ehemals Chefanklägerin des Tribunals über Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) und jetzige Botschafterin der Schweiz in Argentinien. Sie berichtet davon, wie sie und ihr Team beim ICTY 2001 Informationen über den Tod der rund 300 Serben und Roma erhielten und ihnen auch nachgingen. Die Rede sei davon gewesen, daß man den Entführten in einem gelben Haus außerhalb der Ortschaft Burrell Organe entnommen habe. Das beschriebene, inzwischen weiß getünchte Haus sei 2003 ausfindig gemacht und untersucht worden. Entdeckt habe man Blutspuren und diverse benutzte medizinische Utensilien, darunter Mull, eine Spritze, zwei Infusionsbeutel und leere Flaschen, die einst unter anderem Mittel zur Muskelrelaxation enthalten hätten. »Wir beschlossen, daß die Beweise nicht ausreichen. Ohne Leichname oder andere belastbare Hinweise, die zu Verdächtigen hätten führen können, gab es für die Anklage keine Möglichkeit zu weiteren Untersuchungen«, schreibt Del Ponte.

Es sind diese Sätze, die Simo Spasic wütend machen. Spasic, Sprecher einer serbischen Vermißtenorganisation, erhob nun schwere Vorwürfe gegen Del Ponte. Er habe sie und ihr Team 2001 mehrfach getroffen und Beweise für die Verschleppung junger Kosovo-Serben und deren Ermordung in kosovo-albanischen Lagern vorgelegt. 2004 habe ihm das Büro der Chefanklägerin mitgeteilt, daß all die Menschen, nach denen er suche, tot seien. »So einfach war das«, kritisierte Spasic und kündigte eine Klage gegen Del Ponte an. Viele der Familien in seiner Organisation seien schockiert, weil Del Ponte erst heute mit ihrem Bericht über die Folter und Ermordung von Serben und den Organhandel an die Öffentlichkeit gegangen sei.

Del Ponte selbst nahm dazu jüngst in einem Interview der italienischen Tageszeitung La Stampa Stellung. Die Verfolgung von Kriegsverbrechen sei in der »modernen Welt« eine politische Angelegenheit, so Del Ponte. Deswegen sei es auch »kein Zufall«, daß das Buch erst herauskommt, nachdem der Kosovo seine Unabhängigkeit proklamiert hat.

In der Tat führt die Spur des Verbrechens in die kosovarische Hauptstadt Pristina. Dort regiert mit Hashim Thaci einer der ehemaligen UCK-Führer als Premierminister das seit Anfang März unabhängige Kosovo. Von ihm wird laut der Belgrader Zeitung The Press gesagt, daß er in der Vergangenheit höchstpersönlich kriminelle Geschäfte kontrolliert habe. Laut der russischen Zeitung Prawda »verdiente er Millionen von Dollar durch den Organhandel«.

Quelle:  http://www.jungewelt.de/2008/04-03/057.php