Zwei ehemalige mehr oder weniger eigenständige Länder schrumpfen im Laufe der Geschichte zu zwei kleinen Provinzen: Abchasien und Südossetien. Das russische Zarenreich und die spätere Sowjetunion teilen sie erst dem russischen Reich zu, dann der Sozialistischen Sowjetrepublik Georgien. Die überstürzte Auflösung der Sowjetunion durch Gorbatschov lässt wichtige Regelungen aus. Zum Beispiel die Frage, bis wie weit das amerikanisch-westeuropäische Militär- und Kriegsbündnis NATO in den Osten vorstossen darf und wie ex-sowjetische Republikbündnisse geregelt werden sollen (z.B. Georgien, Aserbeidjan/Armenien in Bezug auf Nagorny-Karabach. Kaum zieht sich die Rote Armee zurück entflammen sich dort alte Konflikte. Der erste kaukasische Krieg Anfang neunziger Jahre führt zum Exodus von Georgiern in Abchasien und Südossetien. Die verbleibenden BewohnerInnen wollen sich von Georgien abspalten, wollen eigenständig werden. Georgien interveniert dagegen laufend. Die Russische Föderation schützt die Autonomiebestrebungen der beiden, in Südossetien werden russische Friedenstruppen stationiert. Russland versteht sich als Ordnungskraft in ihrem Einflussgebiet.

Die neunziger Jahre und der Beginn des neuen Jahrhunderts sind geprägt durch die Expanision der EU und der Nato Richtung Osten. Ehemalige Comecon- und Warschauer-Pakt-Staaten werden in den beiden Bündnissen Mitglied. Die Motivationen sind praktisch überall die gleichen: Teilnahme an der wirtschaftlichen Entwicklung im Westen, Schutz und Verpflichtung der NATO, Abkehr vom russischen Einfluss bis zu offenkundigen Russenablehnungen und Hass. Der Westen pocht auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, demnach auf freier Entscheid, welchem Bündnis man angehören dürfen soll. Russland weist auf das Gleichgewicht der Welt hin und kritisiert zunehmend, v.a. seit Putin, den Unilateralismus.

Der erste heftige Konflikt und später Krieg entsteht in Jugoslawien. Die Autonomie der Föderativen Sozialistischen Republik Slowenien wird mehr oder weniger lautlos hingenommen. Die Autonomiebestrebung der Föderation in Kroatien hingegen wird aktiv von den Jugoslawischen Truppen gestoppt. Kroatien besteht zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr aus einer rein kroatischen Bevölkerung. Die Kraijna ist mehrheitlich von einer serbischen Bevölkerung besiedelt. Die Koalitionen sind schnell hergestellt. Die EU und insbesondere Deutschland unterstützen die kroatische Autonomie, die Russen unterstützen die Jugoslawischen Bestrebungen, den Zerfall zu verhindern. Das Konglomerat in Bosnien-Herzegowina nutzt die Gunst der Stunde und versucht selber autonom zu werden. Die Vertreibung der Serben beginnt und wird aktiv von Saudi-Arabien unterstützt. EU und NATO fühlen sich verpflichtet und senden Friedenstruppen. Die Stossrichtung dabei ist offensichtlich: Serbien soll zurückgebunden werden auf das Territorium der Serbischen Republik. Russland hingegen unterstützt Serbien. Die Zerstückelung nimmt ihren Fortgang, Montenegro wird selbständig, Mazedonien spaltet sich ab und Kosovo, das jüngste Beispiel wird mit Unterstützung der EU, NATO und USA, autonom. Insbesondere im Kosovo sind sich alle bewusst, dass dies eine völkerrechtliche Ausnahme ist. Die UNO-Resolution 1244 wird völlig unerfüllt nicht umgesetzt, aber auch nicht abgesetzt. Schon zu diesem Zeitpunkt weisen Osteuropa-ExpertInnen auf die Gefahr hin, dass dies einen Dominoeffekt auslösen kann und meinen damit den Kaukasus.

Die war nicht etwa ein Effekt des bekannen „sich-selbsterfüllenden-Prophezeiungs-Phänomens“. Schon in den neunziger Jahren verlangten Abchasien und Südossetien die Abspaltung von Georgien. Auch wenn die Russische Föderation diesen Prozess begrüsste, war sie selber nicht der Motor und Verfechter dieser Idee. Die Idee wurde erst wieder aktuell, als der Westen die „Ausnahme Kosovo“ als selbstverständlich präsentierte. Nun pocht Russland auf die gleiche Ausnahmebestimmung. Konkret tat sie das auch in den letzten Tagen, als sie Südossetien von der Georgischen Raketenbeschiessung auf Zchinwali und der begonnenen Besetzung befreite. Das gleiche wird sie auch in Abchasien bei Bedarf tun. In dem Sinne verhält sie sich analog der NATO in Jugoslawien.

Wenn nun Georg Bush von der Olympia-Tribüne aus verkündigt, er werde Georgien unterstützen und der polnische Präsident Kaczynski die NATO auffordert, Russland zu stoppen, riskieren beide einen Krieg, der bald wie eine Feuerwalze sich ausbreiten kann. Es geht dabei nicht nur um eine Zuteilungsfrage von Minirepubliken, welche zusammen kleiner sind als unsere grossen Kantone, sondern es geht um das schwarze Gold, resp. Um die Energiesucht des Westens. Südossetien ist Durchgangsgebiet der noch bedeutenden Pipeline Baku-Schwarzes Meer. Der Zielhafen in Poti ist nicht nur ein Umschlagsplatz von Öl aus der Region des Kaspischen Meeres, es werden auch die weltweit zweitmeisten Mangan-Vorkommen Georgiens dort verladen. Ausserdem haben die Amerikaner dort eine „Küstenwache“ eingerichtet und betreiben sie mit. Die US unterstützen Georgien finanziell und militärisch massiv, Israel ist selber mit hunderten „Militärberatern“ vor Ort und die Art der  Beschiessung von Südossetien und Zchinwali zeigen bekannte israelische Handschrift. Ausserdem sind italienische und deutsche Militärs auch in Tiflis vertreten.

Es liegt auf der Hand, dass der neu inszenierte Krieg weit über den Kaukasus hinaus Bedeutung hat und falls er nicht eingedämmt werden kann, das Risiko birgt, dass weitere Kreise einbezogen werden können. Zu denken ist an die spezielle Situation der Enklave Nagorny-Karabach, auf die Armenien und Aserbaidjan Anspruch erheben. Aber auch andere Staaten haben die Minoritätsfrage noch lange nicht gelöst. Das Völkerrecht wurde dieses Jahr erneut relativiert, warum soll das nicht bei anderen gelten?