Die Lücke im Kopf
Die Stromlücke ist eine Denklücke. Erfunden in der Werbeabteilung der Atomlobby, soll uns die vermeintliche Stromknappheit gefügig machen für die Fortsetzung einer verfehlten Strompolitik. Dafür ist jedes Mittel recht. Das Nuklearforum Schweiz, ein Verein indem sich sowohl BFE (!), kantonale Verwaltungen wie auch Stromproduzenten wiederfinden hat dafür die Dienste von Burson-Marsteller (B-M) in Anspruch genommen. B-M ist eine Agentur, die im Stande ist, Unverkäufliches dennoch zu verkaufen. Zu ihren Kunden gehören der chilenischen Ex-Diktator Pinochet, die US-Regierung für die Reinwaschung ihres Krieg im Irak, sowie Chemiekonzerne für Gentechnologie, welche fortan Bio-Tech genannt werden soll. Sie lancieren Bürgerinitiativen und sie verhelfen Firmen, welche Absatzprobleme wegen riskanter Produkte haben, zu neuem Ansehen. Die Stromproduzenten verteidigen sich, sie würden ja nur die Bestellungen der Kantonsregierungen entgegennehmen. Und die seien nun mal für die Stromsicherheit verantwortlich, wobei Stromsicherheit rund 120% vom Strombedarf meint. Die Produzenten erfüllen ihren Auftrag und verlangen den Bau von AKW’s, welcher dann von den Regierenden erfüllt werden. Zumindest hier existiert ein Perpetuum Mobile. Die Kantone sind dabei sehr wichtig, wissen sie doch selber, dass die Grossbanken kein Geld mehr für die AKW-Abenteuer mehr frei spielen. Die Lücke ist ein Mythos. Bereits zum vierten Mal sieht sich die Schweizer Bevölkerung mit der so genannten Stromlücke konfrontiert. Wie heute, ging es auch in den 70ern, den 80ern und 90ern um den Bau von neuen AKW’s. So schreibt zum Beispiel der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE im September 1987: «Die Stromlücke erreicht bis zum Winterhalbjahr 2004/2005 ein Ausmass von 4,3 Mia KWh… Ohne Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Kaiseraugst wird die Lücke sogar 7,2 Mia KWh (ca. AKW Gösgen) betragen». Die Realität ist anders. Kaiseraugst wurde nicht gebaut, was den Bund damals 350 Mio kostete, und niemand musste im Winter 2004/2005 kalten Kaffee trinken. Die Schweiz produziert Strom in Hülle und Fülle.
Heute produzieren die in der Schweiz stehenden Kraftwerke ungefähr soviel Strom, wie die Bevölkerung verbraucht (58 Terawattstunden TWh). Mit dem Atomstrom-aus Frankreich (+20 TWh), haben wir heute in der Schweiz einen Produktionsüberhang von zweieinhalb AKW Gösgen. Rechnen wir sämtliche von Schweizer Stromfirmen im Ausland gebauten oder geplanten Kraftwerke ebenfalls dazu, wird die Schweiz bis im Jahre 2010 mindestens 100 TWh Stromproduktion ihr Eigen nennen dürfen. Wo ist da die Lücke? Strom ist eben in Hülle und Fülle vorhanden, es gibt davon soviel, dass man damit Rasen in Fussballstadien heizt, Kaffeemaschinen betreibt, auch wenn kein Kaffee bezogen wird, usw. und es kostet wenig.
Der Strommarkt kennt keine Schweizer Grenze
Aller Voraussicht nach wird die Schweiz ab Januar 2008 zu 100 % in den europäischen Strommarkt integriert sein. Die Systemgrenze Schweiz gibt es in Sachen Strom nicht mehr. Der Stromhandel blüht. Schon heute erwirtschaftet die Axpo zwei Drittel ihres Milliardengewinns im Ausland. Wird der Strom knapp, steigen im offenen Markt die Preise und die Nachfrage sinkt. Der Strom fliesst dorthin, wo am meisten dafür bezahlt wird. Der Begriff Stromlücke ist unter diesen ökonomischen Gegebenheiten schlicht absurd.
Energieeffizienz schafft Arbeitsplätze
Das sich ab dem Jahr 2020 öffnende Atomloch ist keine Gefahr, sondern eine Chance. Verglichen mit dem fast zehnmal grösseren und bedrohlich nahen Erdölloch ist es ein Kinderspiel, dieses zu füllen. Denn beim Strom haben wir marktfähige und einheimische Alternativen und ein gigantisches Einsparpotenzial. Selbst die Axpo bestätigt in ihren Stromperspektiven, dass das Potenzial der neuen erneuerbaren Energien langfristig ausreicht, um die von ihr prognostizierte Atomlücke zu füllen!
Die Vollversorgung mit sauberem Strom ist keine Frage der Potenziale, sondern eine Frage des politischen Willens und der politisch festgelegten Preise. Solange Atom-, Gas- und Kohlestrom ihre Vollkosten (Klimaschäden, Haftpflicht, Atommüllverwahrung) nicht tragen müssen, sind die Spiesse für die neuen Technologien unfair kurz. Das muss und wird sich voraussichtlich nun auch in der Schweiz zumindest im Ansatz ändern.
Nur halb so teuer wie der Bau von neuen Kraftwerken sind Effizienzmassnahmen, welche den Stromverbrauch reduzieren. So reichen beispielsweise ein Standby-Verbot, beste Elektrogeräte und effiziente Beleuchtung aus, um Beznau 1 und 2 einzusparen. Ersetzen wir dann noch die 170’000 Elektroheizungen durch Holzheizungen oder Erdwärmepumpen, so können wir auch Gösgen abstellen. Und das schöne dabei: Statt das Geld für Uran und Gas in den Kreml zu schicken, bleibt es in der Schweiz und schafft dauerhafte Arbeitsplätze.
Worauf warten wir noch? Auf die nächsten Wahlen! Wir brauchen endlich eine Strompolitik welche nicht von den Stromverkäufern und ihren Adlaten gemacht wird, sondern von PolitikerInnen, welche unsere Umwelt und Zukunft mitdenken. Denn eine zukunftsfähige und sichere Stromversorgung setzt nicht auf neue Gas- und Atomkraftwerke, sondern auf Effizienz und erneuerbare Energien
